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Fliegende JuwelenFliegende Juwelen IIKatzengold und SilberfischRunde SacheSah ein Knapp' ein Röslein steh'nFeldspat, Quarz und Glimmer
 



[...]  Jeder Weg in unbekannte Gebirge bestätigte die alte Erfahrung, dass das Höchste und das Tiefste Granit sei, dass diese Steinart, die man nun näher kennen und von andern unterscheiden lernte, die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebirge hinaufgebildet. In den innersten Eingeweiden der Erde ruht sie unerschüttert, ihre hohe Rücken steigen empor, deren Gipfel nie das alles umgebende Wasser erreichte. So viel wissen wir von diesem Gesteine und wenig mehr. Aus bekannten Bestandteilen, auf eine geheimnisreiche Weise zusammengesetzt, erlaubt es ebenso wenig seinen Ursprung aus Feuer wie aus Wasser herzuleiten. Höchst mannigfaltig in der größten Einfalt wechselt seine Mischung ins Unzählige ab. Die Lage und das Verhältnis seiner Teile, seine Dauer, seine Farbe ändert sich mit jedem Gebirge, und die Massen eines jeden Gebirges sind oft von Schritt zu Schritte wieder in sich unterschieden und im ganzen doch wieder immer einander gleich. Und so wird jeder, der den Reiz kennt, den natürliche Geheimnisse für den Menschen haben, sich nicht wundern, dass ich den Kreis der Beobachtungen, den ich sonst betreten, verlassen und mich mit einer recht leidenschaftlichen Neigung in diesen gewandt habe. Ich fürchte den Vorwurf nicht, dass es ein Geist des Widerspruches sein müsse, der mich von Betrachtung und Schilderung des menschlichen Herzens, des jüngsten, mannigfaltigsten, beweglichsten, veränderlichsten, erschütterlichsten Teiles der Schöpfung, zu der  Beobachtung des ältesten, festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der Natur geführt hat. Denn man wird mir gerne zugeben, dass alle natürlichen Dinge in einem genauen Zusammenhange stehen, dass der forschende Geist sich nicht gerne von etwas Erreichbarem ausschließen lässt. Ja,  man gönne mir, der ich durch die Abwechselungen der menschlichen Gesinnungen, durch die schnelle Bewegungen derselben in mir selbst und in andern manches gelitten habe und leide, die erhabene Ruhe, die jene einsame stumme Nähe der großen, leise sprechenden Natur gewährt, und wer  davon eine Ahndung hat, folge mir.
Mit diesen Gesinnungen nähere ich mich euch, ihr ältesten, würdigsten Denkmäler der Zeit.
Steine und Mineralien haben Goethe in der Tat in ihren Bann gezogen, und zwar ein Leben lang. Auch seine unmittelbare Umgebung weiß er in diese Lei- denschaft mit einzubeziehen. Bis ins hohe Alter bewahrt er sein Interesse für das “Reich der Steine” und verfolgt aufmerksam, wenn auch mit zunehmender Distanz aktuelle geologische Debatten Johann Wolfgang von Goethe schrieb in einem Brief an Charlotte von Stein „Der Granit lässt mich nicht los!“ Mit seinen vielen Werken ging Johann Wolfgang von Goethe als Dichterfürst in die deutsche Literaturgeschichte ein. Doch Goethe war ein Universalgenie mit vielen Talenten: Mit der Botanik, Mineralogie, Anatomie und Physik betätigte er sich gleich in mehreren Wissenschaften als emsiger und ehrgeiziger Forscher. Seine wissenschaftliche Arbeit brachte erstaunliche Ergebnisse zu Tage. In diesem Zusammenhang interessierte er sich besonders für den Ginkgobaum, dessen Ursprung sich bis ins Erdaltertum zurückverfolgen lässt. "Dieses Baums Blatt..." widmete er nicht nur wissenschaftliche Betrachtungen, sondern auch poetische Worte.

Du findest in der Erde Schoß
mit stillen ahnungsvollen Freuden,
das Gold als ein metallisch Moos
sich wachsend von dem Steine scheiden,
das Silber als Gesträuch,
das Kupfer als Gerippe,
Bewunderung stammelt deine Lippe,
und neue Schätze werden bloß.

Wenn geometrisch Zinn und Blei
in Fläch und Ecke sich beschränken,
so wird das Eisen oft sich frei
in Zapfen tropfend niedersenken.
Aus des Zinnobers roter Kraft
läuft dir Mercur in Kügelchen entgegen
und was der Zink,
der Kobalt Gutes schafft,
das weiß dein Lehrer auszulegen.

Was nun auf diesen Blättern fehlt,
das zeigt er dir im Kabinette.
An seiner Hand besuche dann die Stätte,
wo unverhüllt sich uns Natur verhehlt,
die dich und jeden Stein beseelt.


Johann W. von Goethe

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